Pultec-Trick: Boost und Cut heben sich nicht auf
- 04.09.2026
- Michael Krusch
- Story
- Basics
- Tutorial
- EQP-1
Bass anheben und gleichzeitig absenken. Auf dem Papier ist das Unsinn. An einem Equalizer nach Pultec-Vorbild ist es der meistkopierte EQ-Handgriff der Aufnahmegeschichte, und die Bedienungsanleitung des Originals hat ihn ausdrücklich verboten. Das ist der Pultec-Trick: Bassanhebung und Bassabsenkung im selben Band, bei derselben Frequenz, zur selben Zeit. Das Ergebnis ist weder Stille noch „passiert nichts“. Das Ergebnis ist ein Tiefbass, der gleichzeitig größer und straffer wird.
Wir bauen in Berlin einen passiven Röhren-Equalizer dieser Bauart, den Classic Equalizer EQP-1. Statt der zwanzigsten Liste mit Plug-in-Presets gibt es hier den Trick deshalb von innen erklärt: woher er kommt, warum sich zwei Regler nicht aufheben, die sich aufheben müssten, wie du ihn an Kick, Bass und Summe einstellst, was die weniger bekannte Variante im Höhenbereich macht, und warum das alles nur in einer passiven Schaltung funktioniert.
Was der Pultec-Trick ist
Ein EQ nach Pultec-Vorbild hat im Bassbereich drei Bedienelemente: einen Frequenzwahlschalter (20, 30, 60 oder 100 Hz), einen BOOST-Regler und einen ATTEN-Regler (für Attenuation, Absenkung). Boost hebt ein Shelf unterhalb der gewählten Frequenz an. Atten senkt ein Shelf unterhalb der gewählten Frequenz ab. Die Logik sagt: Wer beide aufdreht, macht mit dem einen rückgängig, was der andere tut, und landet bei einer geraden Linie.
Der Pultec-Trick besteht darin, diese Logik zu ignorieren. Du wählst eine Frequenz, drehst die Anhebung auf und dann auch die Absenkung, meist etwas weniger als die Anhebung. Was du hörst: Der Bassbereich bekommt unten Gewicht, während der Matsch knapp darüber dünner wird. Kickdrums bekommen Punch ohne Wummern. Bässe bekommen Fundament ohne die kartonigen unteren Mitten. Eine ganze Summe bekommt Tiefe, ohne zum Schwamm zu werden.
Die Anleitung des originalen Pultec EQP-1A lässt an der Absicht der Konstrukteure keinen Zweifel: „Do not attempt to boost and attenuate simultaneously on the low frequencies“, versuche nicht, im Bassbereich gleichzeitig anzuheben und abzusenken. Die Engineers haben es trotzdem getan, festgestellt, dass es hervorragend klingt, und aus der verbotenen Einstellung das berühmteste Merkmal des Geräts gemacht.
Woher er kommt: der Pultec EQP-1A
„Pultec“ ist die Kurzform von Pulse Techniques, einer kleinen Firma, die am 1. Februar 1953 in Teaneck, New Jersey, ihre Türen öffnete. Die Gründer waren zwei Ingenieure, Eugene Shenk und Ollie Summerlin; Shenk hatte zuvor vierzehn Jahre bei RCA Communications gearbeitet. Ihr erster Equalizer, der EQP-1 Program Equalizer, erschien in den 1950er-Jahren, zunächst mit Bassanhebung und Bassabsenkung bei 30, 60 und 100 Hz. Der EQP-1A Anfang der 1960er-Jahre brachte die 20-Hz-Stellung, mehr Frequenzen im Höhenbereich und die Stellungen 5 und 20 kHz für die Höhenabsenkung dazu. Das ist das Gerät, das alle meinen, wenn sie „Pultec“ sagen. In den 1970er-Jahren folgte eine Version in 2 HE, der EQP-1A3, mit identischer Schaltung.
Das Konstruktionsprinzip war typisch für seine Zeit und ist der Grund, warum es den Trick überhaupt gibt: Der Equalizer selbst ist passiv. Kondensatoren, Widerstände und eine Spule formen den Frequenzgang ohne jede aktive Verstärkung. Ein passives Netzwerk kann keine Energie hinzufügen, nur wegnehmen, in neutraler Stellung kommt das Signal also deutlich leiser heraus, als es hineingegangen ist. Eine Röhrenverstärkerstufe, im EQP-1A eine 12AX7 und eine 12AU7 mit drei Übertragern im Signalweg, holt den verlorenen Pegel wieder auf. Programm-Equalizer, passive Filter, Röhren-Make-up: Das ist das Rezept.
Pultecs standen bei Capitol, RCA Victor und Abbey Road, und sie wurden in der einen oder anderen Form bis 1981 gebaut, als Shenk in den Ruhestand gehen wollte und keinen Käufer fand. Originale wechseln seither für viel Geld den Besitzer. Anfang der 2000er-Jahre wurde der Name Pulse Techniques wiederbelebt, und der EQP-1A wird seither wieder nach der Originalspezifikation gebaut. Die Schaltung wurde von Dutzenden Herstellern kopiert, abgewandelt und emuliert, als Hardware und als Plug-in.
Warum sich Anhebung und Absenkung nicht aufheben
Hier kommt der Teil, den die meisten Erklärungen überspringen, und es ist der Teil, auf den es ankommt. Anhebung und Absenkung sind an einem Pultec nicht dasselbe Filter mit umgedrehtem Vorzeichen. Es sind zwei verschiedene passive Netzwerke, die sich zufällig einen Frequenzschalter teilen. Ihre Kurven sind keine Spiegelbilder voneinander.
Zwei Dinge unterscheiden sich. Erstens die Eckfrequenzen: Die Messungen von Sound On Sound an der Neuauflage von Pulse Techniques zeigen, dass die Absenkung etwa eine halbe Oktave höher einsetzt als die Anhebung in derselben Schalterstellung. Zweitens die Beträge: Bei gleicher Reglerstellung hebt der Boost etwas mehr an, als die Absenkung wegnimmt.
Beides zusammen ergibt, dass die Summe aus „Anhebung plus Absenkung“ keine gerade Linie ist. Unterhalb der gewählten Frequenz gewinnt die Anhebung, das Shelf bleibt oben. Um die gewählte Frequenz herum und knapp darüber holt die Absenkung auf und zieht die Kurve nach unten, es entsteht eine Senke oberhalb der gewählten Frequenz. An der Neuauflage hat Sound On Sound sie etwa eine Oktave höher gefunden; wo genau sie landet, hängt von den beiden Reglerstellungen und vom einzelnen Gerät ab. Bei 60 Hz hebt das Gerät die Grundtöne von Kick und Bass an und räumt gleichzeitig die unteren Mitten aus, in denen Mixe wummerig und kartonig werden. Das ist genau die Kurve, die du freihändig zeichnen würdest, wenn dich jemand nach „straffem Tiefbass“ fragt: ein Buckel unten, eine Mulde darüber.
Nichts in den Unterlagen deutet darauf hin, dass das so geplant war. Es ist ein Nebeneffekt davon, zwei getrennte Netzwerke mit Bauteilen der 1950er-Jahre so einfach wie möglich zu bauen, und die Warnung in der Anleitung zeigt, dass die Konstrukteure es für etwas hielten, das man besser lässt. Was den Trick musikalisch statt zufällig macht: Beide Kurven sind breit und sanft. Es gibt keine schmalen Resonanzen, nur zwei flache Flanken, die gegeneinander arbeiten. Passive Netzwerke mit echten Bauteilen tun das mit einer Weichheit, die sich in einem parametrischen EQ mit drei Bändern nur schwer nachzeichnen lässt.
Einstellen: Kick, Bass, Summe
Es gibt keine richtige Einstellung, aber es gibt Startpunkte, auf die sich Engineers über Jahrzehnte eingependelt haben. An einem Gerät nach Pultec-Vorbild laufen die Skalen für Anhebung und Absenkung von 0 bis 10, und so sind die Zahlen unten gemeint.
Kickdrum. Frequenz auf 60 Hz für eine Rock- oder Pop-Kick, 30 Hz, wenn das Gewicht tiefer und dem Bass aus dem Weg soll. Beginne mit der Anhebung bei etwa 4 bis 5 und der Absenkung bei etwa 3 bis 4. Dann fahre die Absenkung hoch und runter und höre auf den Bereich knapp über dem Grundton der Kick: Dort räumt der Trick entweder das Wummern auf oder fängt an, hohl zu klingen. Fab Dupont, der den Trick ausführlich vorgeführt hat, arbeitet genau in diesem Bereich. Und deshalb führt Anheben allein nicht ans Ziel: Die Anhebung ist ein Shelf, der Matsch über dem Grundton kommt also mit hoch, und wer die Anhebung zurücknimmt, um den Matsch zu bändigen, verliert damit auch das Gewicht bei 60 Hz. Der Trick behält das Gewicht und nimmt den Matsch weg.
Bassgitarre und Synth-Bass. Dasselbe Rezept, meist bei 60 oder 100 Hz, oder bei 20 oder 30 Hz, wenn du Gewicht willst, ohne den Durchschnittspegel anzuheben. Höre darauf, wo die Senke im Verhältnis zu den unteren Mitten des Basses landet; das ist der Bereich, der einen Mix vernebelt. Wenn Kick und Bass sich streiten, gib ihnen unterschiedliche Frequenzstellungen statt derselben.
Summe und Mastering. Hier wird der Trick zum Gewürz, nicht zum Bildhauerwerkzeug. Frequenz auf 20 oder 30 Hz und beide Regler zwischen 1 und 2 geben einem Mix Tiefe, ohne den Durchschnittspegel nennenswert anzuheben und ohne den Bass nach vorn zu schieben. Alles über 3 ist auf der Summe als Effekt hörbar, was in Ordnung ist, wenn du genau das willst.
Snare, Akustikgitarre, Gesang, Klavier. Darüber spricht kaum jemand, aber die Stellungen 60 und 100 Hz mit moderaten Werten nehmen nah mikrofonierten Quellen das Kartonige, ohne sie auszudünnen. Stell es dir als Low-Cut mit Körper vor statt mit Loch.
Zwei Dinge sind jedes Mal zu prüfen. Die Anhebung ist ein Shelf, alles unterhalb der gewählten Frequenz kommt also mit hoch, auch Subbass, den du auf kleinen Monitoren nicht hörst: Beurteile das auf einer Anlage, die 30 Hz wiedergibt, oder auf guten Kopfhörern. Und der Trick fügt Pegel in einem Bereich hinzu, in dem unsere Ohren weniger empfindlich sind, Pegelmesser aber nicht. Vergleiche mit dem Bypass bei gleicher Lautheit, nicht nur nach Gehör. Lauter klingt in den ersten zehn Sekunden immer besser.
Der andere Trick: die Höhen
Weniger berühmt, und in der Anleitung ausdrücklich erlaubt. Der Höhenbereich eines EQ nach Pultec-Vorbild hat eine Glockenanhebung mit wählbarer Mittenfrequenz und einem Bandbreitenregler, und getrennt davon eine Shelf-Absenkung bei 5, 10 oder 20 kHz. Die Originalanleitung schreibt zu diesem Bereich: „it is possible, and sometimes very desirable, to operate the right hand boost and attenuate controls simultaneously“, es sei möglich und manchmal sehr wünschenswert, die rechten Boost- und Atten-Regler gleichzeitig zu benutzen.
Die klassische Kombination ist eine breite Anhebung zwischen 10 und 16 kHz für Luft und Offenheit, zusammen mit einer sanften Absenkung bei 20 kHz. Die Anhebung bringt Glanz, das Shelf nimmt das äußerste Top wieder weg, und übrig bleibt ein Höhenbereich, der offen klingt, ohne spröde zu werden. Das ist eine Umverteilung von Energie, keine einfache Anhebung. Bei harschen Quellen setzt du die Absenkung auf 10 kHz: Das Shelf greift dann in den angehobenen Bereich hinein und nimmt die Schärfe, während die Glocke die Luft behält.
Eine zweite Anwendung im Höhenbereich hat mit Anheben gar nichts zu tun. Eine sanfte Höhenabsenkung bei 5 kHz, für sich allein, rundet einen harschen Drum-Bus oder aggressive Overheads auf eine Art ab, die einer parametrischen Absenkung selten gelingt, weil das passive Shelf so flach verläuft. Fredrik Kinbom, der unseren EQP-1 auf Drums einsetzt, beschreibt genau das: „Einer meiner Lieblingsaspekte am EQP-1 ist die Art und Weise, wie er ein harsch klingendes Top-End auf transparente und natürliche Weise mit einer sanften Absenkung bei 5 kHz abrunden kann, und natürlich der ‚Pultec-Trick‘ mit einer Anhebung/Absenkung im unteren Band. Magie auf dem Drum-Bus!“ (aus dem Englischen übersetzt)
Warum das nur an einem passiven EQ funktioniert
Probier den Pultec-Trick im parametrischen EQ deiner DAW: ein Low-Shelf mit 4 dB Anhebung bei 60 Hz und ein Low-Shelf mit 4 dB Absenkung bei 60 Hz. Du bekommst eine gerade Linie. In einem typischen digitalen EQ sind Anhebung und Absenkung exakte Spiegelbilder, bei gleicher Frequenz und Flanke heben sie sich bis auf die Nachkommastelle auf. Der Trick lebt ausschließlich von der Unvollkommenheit zweier passiver Netzwerke, die nie als Spiegelbild voneinander entworfen wurden.
Deshalb muss jedes Plug-in, das den Trick anbietet, die Originalschaltung Bauteil für Bauteil nachbilden, statt ein ideales Shelf zu berechnen. Gute Emulationen treffen die Kurven. Was sie nur annähern können, ist der Rest des Signalwegs: die Spule mit ihrer eigenen Sättigung, die Röhrenstufe, die mit steigendem Pegel eine zunehmende zweite Harmonische hinzufügt, die Übertrager am Ein- und Ausgang. An einem Hardware-Gerät sind das keine Funktionen, die man einschaltet. Es ist schlicht das, was das Signal durchläuft, in jeder Einstellung, auch in der neutralen. Amazona.de hat unseren EQP-1 2024 mit einem bekannten Pultec-Plug-in verglichen und den Unterschied so beschrieben: „Das Plug-in klingt immer etwas fetter und punchiger, während der Tegeler viel feinsinniger vorgeht. Die Hardware vermittelt mehr Transparenz und Auflösung und das Plug-in ist immer etwas grobschlächtig im Vergleich.“
Der Pultec-Trick am Classic Equalizer EQP-1
Dieselbe Wechselwirkung gibt es an unserem Classic Equalizer EQP-1, weil er nach demselben Prinzip arbeitet: eine passive Filtersektion mit Kondensatoren und Spulen, danach eine Röhrenverstärkerstufe mit Eingangs- und Ausgangsübertragern. Ein Klon ist er nicht, und seine Kurven sind seine eigenen. Amazona.de schreibt im Test, der EQP-1 sei „kein Pultec-Klon“, sondern nehme „den ehrwürdigen Ahnen respektvoll als Vorbild“ und transportiere dessen Klang „in die Neuzeit“. Gleiche Idee, eigene Schaltung.
Der Bassbereich bietet Anhebung und Absenkung bei 20, 30, 60 und 100 Hz. Was die Kombination aus Anhebung und Absenkung an diesem Gerät tut, beschreibt am besten jemand, der es gegen ein Plug-in gemessen hat: „Durch gleichzeitiges Absenken und Anheben der Bässe bekommt das Low End einen unverwechselbaren Push und eine sehr charakteristische Wärme“, um Amazona noch einmal zu zitieren. Die Höhenanhebung hat neun Mittenfrequenzen von 3 bis 20 kHz mit einem WIDTH-Regler für die Bandbreite, die Höhenabsenkung sitzt bei 5, 10 oder 20 kHz. Wenn du es lieber hören als lesen willst: Der polnische Kanal „Na czym gra“ hat die Kombination aus Anhebung und Absenkung am EQP-1 in vier Videos vorgeführt.
Eines macht der EQP-1 anders als das Original: Er hat zwei Kanäle in einem Gehäuse mit 2 HE, jeder mit eigener Filtersektion und eigenem Bypass-Schalter. Stereosumme, Mastering oder zwei Monoquellen gleichzeitig, ohne zweites Gerät. Für den Trick auf einer Stereosumme ist das wichtiger, als es klingt, weil beide Kanäle auf derselben Frontplatte sitzen und nebeneinander auf dieselben Werte gestellt werden können.
Innerhalb unserer Produkte ist der EQP-1 das Gerät für breite, musikalische Striche. Der Creme trägt neben seinem Bus-Kompressor einen passiven EQ derselben Familie, der nur anhebt, cleaner und ohne Röhren, gebaut für ein paar dB Bass und Höhen auf der Summe. Der MythEQ 500 ist der chirurgische. Wie der EQP-1 in einer Mastering-Kette neben unserem Röhrenkompressor sitzt, beschreibt Andreas Bicking auf der Summe mit VTC und EQP-1, und was der Kompressor in dieser Kette tut, steht in Vari-Mu-Kompressor erklärt.
Du möchtest den Pultec-Trick am Classic Equalizer EQP-1 14 Tage in deinem Studio ausprobieren?
Mehr zum Classic Equalizer EQP-1